H06 Zischen und Rauschen


Von der geräuschhaften Seite des Klangs.

Foto: Unsplash/Paul Morris

Einstieg

LIVE Rauschen aus ODEM für Altblockflöte Solo von Christian Diendorfer (1982)

Themenschwerpunkte dem booklet Text von Gerald Resch zur Jubiläums-CD Entspannte Gleichzeitigkeit – Parallele Szenen aktueller Musik aus Österreich (2006) hammer records entnommen.

zum Geräusch

Das 20.Jahrhundert erforscht geräuschhafte Qualitäten des Klanges durch

1. haptisch durch intensive Erweiterung der spieltechnischen Möglichkeiten

2. technologisch mittels Tonbänder Geräusche fixieren und transformieren

3. musikphilosophisch durch Erweiterung des Musikbegriffs durch John Cage
zu 3.
Wolfgang Sterneck

JOHN CAGE UND DIE MUSIK DER VERÄNDERUNG
Überrascht stellte John Cage auf der Suche nach neuen Hörerfahrungen in einem schalldichten Raum in Cambridge fest, dass er rhythmische Geräusche vernahm. Der zuständige Techniker erklärte ihm später, dass er verschiedene Abläufe in seinem Körper wahrgennommen hatte. ”Ich hörte, dass Schweigen, dass Stille nicht die Abwesenheit von Geräuschen war, sondern das absichtslose Funktionieren meines Nervensystems und meines Blutkreislaufes. Ich entdeckte, dass die Stille nicht akustisch ist. Es ist eine Bewusstseinsveränderung, eine Wandlung. Dem habe ich meine Musik gewidmet. Meine Arbeit wurde zu einer Erkundung des Absichtslosen.”

Das veränderte Verständnis der Stille führte 1952 zur Komposition von ”4,33”, einem Stück in dem kein Geräusch absichtlich erzeugt wird. Die Aufgabe der beteiligten MusikerInnen ist es dabei, die Bühne zu betreten und sie nach einer Zeitspanne von 4,33 Minuten wieder zu verlassen ohne ein Instrument gespielt zu haben. Die Musik besteht aus den Geräuschen des Publikums, einem Husten, Flüstern oder auch aus Protestrufen, genauso wie beispielsweise aus den Geräuschen einer quietschenden Tür, eines auf der Straße vorbeifahrenden Lastwagens oder eines Regengusses. Einige Jahre nach der Komposition von ”4,33” erklärte Cage in einem Interview, dass er das Stück nicht mehr benötige, da er inzwischen in der Lage sei, es ständig zu hören. ”Die Musik, die mir am liebsten ist und die ich meiner eigenen oder irgendeines anderen vorziehe, ist einfach die, die wir hören, wenn wir ruhig sind.”

zu 1.

LIVE Hörbeispiel zum Zischen aus DUPUY TREN für 3-6 Blockflöten von Mischa Käser (1991) Takt 73 – 91aus Blfl. II Stimme

Hörlink zum gesamten Stück

vergleichender Hörlink des selben Stückes

Yamaguchi Mouthpiece 3 von Erin Gee

Ole – Henrik Moe aus Ciaconna für Violine Solo

http://www.allmusic.com/album/ole-henrik-moe-ciaccona-3-persephone-perceptions-mw0001437945

zu 2.

Tonbandkompositionen von Ludwig Bekic

http://constructme.blogspot.de/2008/09/short-movie-about-accurately-fitting.html oder Gerald Fiebig

https://emerge.bandcamp.com/album/i-3

UND WEITERES

Im 21.Jahrhundert ist das Geräuschhafte selbstverständlich im Repertoire der verfügbaren Klänge angekommen.

Technologien sind integraler Bestandteil des Musiksuchens geworden, selbstverständliche Voraussetzung im künstlerischen Schaffen, vor allem über Mikrofonierung kaum Wahrnehmbares hörbar gemacht.

z.B.

Karlheinz Essl und Cordula Böse in iside/out Rauschqualitäten durch Mikrophonierung und live-elektronische Modifikationen

Feinstrukturierte Geräuschstrukturen in Franz Hauzingers Trompetenspiel
http://www.franzhautzinger.com

Paetzold-Instrumente
La Macchina Rumorosa

Im Zentrum dieses Programms stehen Werke jener zeitgenössischen Komponisten, welche die eigentümliche Klangwelt der Paetzold-Instrumente für sich entdeckt haben. Agostino di Scipio bezeichnet sie beispielsweise als «wunderbare Geräuschinstrumente».

Die sonore Klanglichkeit dieser viereckigen Blockflötenriesen begegnet uns auf unterschiedliche Weise: von wabernden Soundschwaden bestimmten Unterwasserwelten über rauschhafte Obertonklangwellen, zu bewegten Pop- und Rockanklängen.

Durch die elektronische Verstärkung der Instrumente bzw. den Einbezug (live-) elektronischer Konzeption erreicht der Klang den Hörer noch unmittelbarer…

Ausführende:

Elisabeth Haselberger Blockflöten

Eva Reiter Blockflöten/Viola da Gamba

Christina Bauer Tontechnik

Susanne Fröhlich Subgroßbassblockflöte

Jorge Sánchez-Chiong Turntables

Blockflötenbiennale 2006

Sonntag, 1.10.2006, 11:30 Uhr,Alter Konzertsaal, Rennweg 8, A-1030 Wien

Neue Musik

Im Rausch der Geräusche

Musik als “Reibung und Widerhall”: Wie sich die in Bremen versammelten zeitgenössischen KomponistInnen von einer ausschließlich”Tonhöhen-fixierten” Musik lossagen, ist ein echtes Hörerlebnis

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Überraschende Klangwendungen: viel versprechendes Mischpult der Moderne

Bild: GABRIELE WITTER

Auszug:

Der Norweger Ole-Henrik Moe nennt sein ausschließlich geräuschhaftes Solo-Stück für Violine “Ciaccona”. Die barocke Gattungsbezeichnung verweist auf strukturelle Gemeinsamkeiten: Auch bei Moe entfalten sich die Oberstimmen über einer permanenten Bass-Grundierung, einer Art Bordunklang.

Wie das technisch geht? Man nehme drei nebeneinander stehende Notenpulte und mindestens anderthalb Meter breite Partiturblätter, die der Komponist im Laufe des Vortrags Schicht für Schicht abnimmt. Alles andere bleibt der Geigerin überlassen: ein 43 Minuten währender Kampf um die mikrokosmische Fülle, die scheinbaren “Einzeltönen” innewohnt. Ausgehend von Flageoletts, also Obertönen, lässt Kari Rønnekleiv mit dauervibrierenden Fingern die Klangspektren in weitere Einzeltonreihen aufbrechen. Das führt zu einem Tanz der Obertöne, auch das ein Verweis auf die Ciaccona als barocke Tanzgattung.

HÖRLINK dazu

http://www.allmusic.com/album/ole-henrik-moe-ciaccona-3-persephone-perceptions-mw0001437945

Episode 07 Der Fluch der schönen Töne

Leseaufgabe”Schön durch Schmutz” Interview mit Nikolaus Harnoncour

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-53513181.html

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